I. Aufbruch

Wir waren vor kurzem übersiedelt. Ich war zwölf. Das Haus war unter großen Entbehrungen, einem kleinen Kredit und tatkräftiger Nachbarschaftshilfe gebaut. Ich hatte, so gut es ging, mitgeholfen. Da waren wir nur, und schon nach kurzer Zeit kam der für dieses Dorf zuständige Kaplan auf Besuch. Er fragte mich, ob ich nicht in die Ministrantenstunden kommen wolle, und er sagte es so bestimmt, dass ich wie selbstverständlich folgte. Und es folgten erste Lehrjahre im religiösen Denken und Ministrieren. Das hieß damals, zunächst einmal die lateinischen Messtexte zu lernen. Dabei lernte ich: Man muss nicht alles verstehen, was man sagt. Das lange Stehen war schon in diesen Jahren für mich eine Qual, das Knien auf den Betonstufen der Kirche noch mehr. Aber ich war dabei. Die notwendigen Prüfungen legte ich locker ab, und nach kurzer Zeit war ich Ministranten- und Jungscharführer.

Dann kam ich direkt von der Hauptschule – die zumindest in Gloggnitz damals einem Gymnasium um nichts nachstand, außer dass Latein fehlte – ins Gymnasium nach Wr. Neustadt, gleichbedeutend mit täglicher Zugfahrt. Im vierten und fünften Jahrgang hatten wir dann auch Philosophie inklusive Psychologie. Prof. Peter Neusiedler war so der ganz andere Typ, nicht nur weil Philosoph, man nannte ihn „Buddhist“, weil er eine Attraktion für Asiatisches hatte. Er verbrachte die Ferien in der Schweiz oder in Schottland bei Krishnamurti, und kam einmal zu Schulbeginn nicht vom Himalaya zurück. Er sei erkrankt, hieß es. Ich dachte eher, dass es ihm dort so gut gefiel, dass die rechtzeitige Rückreise nicht ganz so wichtig war.

Es war die Zeit der ersten Yogabücher. Die Verlage schickten die Bücher dem Professor zur Rezension, und ich bekam sie zu lesen, weil bald klar war, dass Philosophie mein Fach war. Auf diese Weise kam ich erstmals mit Yoga in Berührung, mit Büchern von Romain Rolland über Sri Ramakrishna und Swami Vivekananda.

Im zweiten Jahr, dem Maturajahr, hielt ich ein Referat über den chinesischen Universismus, und als es an die Maturavorbereitung ging, schickten wir die Klasse nachhause, setzten uns – wir waren nur zwei, die in Philosophie maturieren wollten – in ein Café und diskutierten mit dem Professor. Bei der Mündlichen erzählte ich dann über die Monadologie von Leibniz, ob das alle Prüfer verstanden, weiß ich nicht.

Nach der Matura die Überlegung, was ich studieren sollte. Es kam ja nur Philosophie oder Psychologie infrage. Ich schwankte, hatte aber während des Bundesheeres noch Zeit, mir das zu überlegen – mit dem Tibetischen Totenbuch unter dem Heereskopfpolster. Dass es dann doch Philosophie wurde, lag vor allem daran, dass es das, was ich mir unter Psychologie vorstellte – nämlich C.G. Jung und dergleichen, an der Wiener Uni nicht gab.

Also inskribierte ich Philosophie, und sah mich in Wien um, besonders in Buchhandlungen. Da gab es eine am Graben, mit den ersten Büchern zum Thema Yoga. Die einzige Buchhandlung in ganz Wien, die diese Bücher führte. Am Glas der Auslage klebte eine Visitenkarte einer Yogagemeinschaft. Die las ich interessiert, und als ich ein paar Tage später wieder vorbeikam, um mir die Telefonnummer zu notieren, war die Karte weg. Na, dann eben nicht. Einige Wochen später war sie wieder da, mit einer neuen Adresse. Ich rief dort an und wurde eingeladen vorbeizukommen.

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Über Robert Harsieber

Philosoph, Wissenschaftsjournalist, Verleger (RHVerlag), Mitarbeit an verschiedenen Projekten. Philosophische Praxis: Oft geht es darum, Menschen dabei zu helfen, ihr eigenes Weltbild zu erkunden. Interesse: Welt- und Menschenbilder, insbesondere die Frage eines zeitgemäßen Welt- und Menschenbildes.
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